So nutzen Sie den Injury-Severity-Score-Rechner
Der Injury-Severity-Score-Rechner ermöglicht die verlässliche und standardisierte Quantifizierung der anatomischen Verletzungsschwere bei polytraumatisierten Patienten. Zur Ermittlung des Scores ordnen Sie den sechs anatomischen Körperregionen den jeweiligen AIS-Schweregrad (Abbreviated Injury Scale) zu:
- Körperregionen erfassen — Wählen Sie für Kopf/Hals, Gesicht, Thorax, Abdomen, Extremitäten/Becken sowie externe Regionen die passende AIS-Stufe von 0 (keine Verletzung) bis 6 (maximal) aus.
- Schwerste Einzelläsion bestimmen — Liegen in derselben Körperregion mehrere Verletzungen vor, wird für die Berechnung stets nur die schwerste Einzelläsion herangezogen.
- Automatische Auswertung nutzen — Das Bewertungstool filtert automatisch die drei am schwersten betroffenen Körperregionen heraus, quadriert deren AIS-Werte und bildet die Summe.
- Ergebnis interpretieren — Das Ergebnisfeld zeigt den errechneten ISS (0 bis 75), die zugehörige Schweregrad-Klassifikation sowie die berücksichtigten regionalen AIS-Werte an.
Alle Eingaben im Injury-Severity-Score-Rechner werden unmittelbar im Webbrowser neu ausgewertet. Dadurch können klinische Fallbeispiele und Verletzungskonstellationen direkt verglichen und für Dokumentations- oder Ausbildungszwecke analysiert werden.
Formel & wissenschaftliche Grundlagen
Der Injury-Severity-Score-Rechner implementiert das 1974 von Susan Baker et al. etablierte Verfahren zur anatomischen Traumabewertung. Die Berechnung erfolgt nach der klassischen Formel:
$$\text{ISS} = (\text{AIS}_1)^2 + (\text{AIS}_2)^2 + (\text{AIS}_3)^2$$
Hierbei bezeichnen $\text{AIS}_1$, $\text{AIS}_2$ und $\text{AIS}_3$ die maximalen AIS-Werte der drei am schwersten verletzten Körperregionen.
Die 6 Körperregionen nach AIS-Klassifikation
- Kopf und Hals: Verletzungen von Gehirn, Schädelknochen, Halsweichteilen und Halswirbelsäule (HWS).
- Gesicht: Frakturen von Mittelgesicht, Unterkiefer, Nasenbein sowie Weichteilverletzungen im Gesichtsbereich.
- Thorax: Läsionen von Brustwand, Rippen, Brustwirbelsäule (BWS), Lunge, Trachea, Ösophagus, Herz und großen intrathorakalen Gefäßen.
- Abdomen & Beckeninhalt: Traumata von parenchymatösen Organen (Leber, Milz, Nieren), Magen-Darm-Trakt, Beckenorganen und Lendenwirbelsäule (LWS).
- Extremitäten & Beckengürtel: Frakturen der Röhrenknochen, Gelenkluxationen, Amputationen sowie Instabilitäten des knöchernen Beckenrings.
- Externe Verletzungen: Verbrennungen, Erfrierungen, Verätzungen, Kontusionen und flächige Schürfwunden unabhängig von der Lokalisation.
Schweregrade der Abbreviated Injury Scale (AIS)
- AIS 1 (Leicht / Minor): Geringfügige Weichteilverletzungen, einfache Prellungen.
- AIS 2 (Mäßig / Moderate): Unkomplizierte Frakturen, einfache Schnittwunden oder Gehirnerschütterung.
- AIS 3 (Ernst / Serious): Schwere, aber nicht unmittelbar lebensbedrohliche Verletzungen (z. B. offene Unterschenkelfraktur, Lungenkontusion).
- AIS 4 (Schwer / Severe): Lebensbedrohliche Verletzungen mit hoher Interventionsdringlichkeit (z. B. instabiles Beckentrauma, Milzruptur Grad IV).
- AIS 5 (Kritisch / Critical): Akut lebensbedrohliche Traumata mit unsicherer Überlebensprognose (z. B. ausgedehnte intrakranielle Blutung mit Mittellinienverlagerung).
- AIS 6 (Maximal / Unüberlebbar): Nicht überlebbare Läsionen (z. B. komplette Hirnstammruptur, traumatische Aortenavulsion).
Tritt in mindestens einer Körperregion ein AIS-Wert von 6 auf, setzt der Injury-Severity-Score-Rechner das Gesamtergebnis automatisch auf den maximalen Wert von 75, da das Überleben nach internationaler Definition als unwahrscheinlich gilt.
Interpretation der ISS-Schweregrade
Die Einteilung der Punktwerte korreliert eng mit der posttraumatischen Mortalität, dem intensivmedizinischen Aufwand und der Entstehung systemischer Entzündungsreaktionen (SIRS / Sepsis):
| ISS-Punkte | Schweregrad-Einstufung | Klinische Relevanz & Behandlungsfokus |
|---|---|---|
| 1 – 8 | Leichtes Trauma (Minor Trauma) | Ambulante Versorgung oder kurze stationäre Überwachung |
| 9 – 15 | Mäßiges Trauma (Moderate Trauma) | Stationäre Überwachung zur Vermeidung von Folgeschäden |
| 16 – 24 | Schweres Trauma / Polytrauma | Signifikant gesteigertes Letalitätsrisiko, Schockraum-Pflicht |
| 25 – 49 | Schwerstes Polytrauma | Intensive Notfallchirurgie und intensivmedizinische Beatmung |
| 50 – 75 | Kritisches / Maximales Trauma | Höchstes Mortalitätsrisiko bzw. infauste Prognose |
In der unfallchirurgischen Fachliteratur gilt ein Schwellenwert von ISS > 15 als Standardkriterium zur Definition eines Polytraumas (Major Trauma).
Praxisbeispiel: Polytrauma nach Verkehrsunfall
Ein 45-jähriger Autofahrer erleidet bei einem Frontalzusammenstoß mehrere Verletzungen in unterschiedlichen Körperregionen:
- Kopf/Hals: Akutes Subduralhämatom mit Bewusstlosigkeit ($\text{AIS} = 4$)
- Thorax: Beidseitige Lungenkontusion und instabiler Thorax ($\text{AIS} = 4$)
- Extremitäten: Geschlossene dislozierte Femurschaftfraktur ($\text{AIS} = 3$)
- Abdomen: Grad-II-Leberlazeration ohne aktive arterielle Blutung ($\text{AIS} = 2$)
- Externe Region: Flächige Weichteilschürfungen ($\text{AIS} = 1$)
Zur Berechnung des Gesamtwerts identifiziert das Tool die drei höchsten regionalen AIS-Werte (4, 4 und 3):
$$\text{ISS} = 4^2 + 4^2 + 3^2 = 16 + 16 + 9 = 41$$
Mit einem Score von 41 Punkten weist der Patient ein schwerstes Polytrauma auf. Nach den Leitlinien zur Polytraumaversorgung erfordert dieser Befund eine sofortige Schockraumbehandlung und die Einleitung von Maßnahmen zur Schadenskontroll-Chirurgie (Damage Control Surgery).
Klinische und wissenschaftliche Anwendungsbereiche
In Notaufnahmen, Traumazentren und Forschungseinrichtungen erfüllt der Injury-Severity-Score-Rechner zentrale Funktionen:
- Traumaregister & Versorgungsforschung: Das TraumaRegister DGU nutzt den ISS zur Qualitätskontrolle und zum bundesweiten Klinikvergleich.
- Triage-Validierung & Qualitätsmanagement: Überprüfung, ob schwerverletzte Patienten leitliniengerecht in überregionale Traumazentren transportiert wurden.
- Wissenschaftliche Studien & Risikoadjustierung: Vergleich von Patientengruppen mit homogenen Verletzungsschweren in klinischen Studien.
- Lehre & Weiterbildung: Praktische Demonstration der Interaktion multipler Organtraumata in der Facharztweiterbildung für Orthopädie und Unfallchirurgie.