So nutzen Sie den RCRI-Score-Rechner
Der RCRI-Score-Rechner (Revised Cardiac Risk Index / Lee-Index) ermöglicht Anästhesisten, Chirurgen und Klinikern eine verlässliche präoperative Einschätzung des kardialen Risikos vor elektiven, nicht-kardiochirurgischen Operationen. Das Tool basiert auf einer binären Checkliste aus sechs klinischen Prädiktoren:
- Hochrisiko-Operation – Wählen Sie diese Option, wenn ein intraperitonealer, intrathorakaler oder suprainguinaler vaskulärer Eingriff (z. B. Aortenaneurysma-OP, Ösophagusresektion oder große Laparotomie) geplant ist.
- Ischämische Herzerkrankung – Zutreffend bei Zustand nach Myokardinfarkt, gesicherter koronarer Herzkrankheit (KHK), pathologischem Belastungs-EKG, Angina pectoris oder regelmäßiger Einnahme von Nitraten.
- Herzinsuffizienz in der Vorgeschichte – Zu aktivieren bei dokumentierter chronischer Herzinsuffizienz, Lungenödem, paroxysmaler nächtlicher Dyspnoe oder bekannt hochgradig reduzierter linksventrikulärer Ejektionsfraktion.
- Zerebrovaskuläre Vorerkrankung – Zutreffend bei anamnestisch bekanntem ischämischem oder hämorrhagischem Schlaganfall sowie stattgehabter transitorischer ischämischer Attacke (TIA).
- Insulinpflichtiger Diabetes mellitus – Wählen Sie dieses Feld aus, wenn der Patient zur Blutzuckereinstellung regelmäßig Insulin spritzt (diätetisch oder rein oral behandelter Diabetes zählt hier als 0 Punkte).
- Erhöhtes Serumkreatinin – Zutreffend bei einem laborchemisch nachgewiesenen präoperativen Serumkreatininwert von über $2{,}0\text{ mg/dL}$ (bzw. $> 177,\mu\text{mol/L}$).
Nach Auswahl der zutreffenden Kriterien zeigt der RCRI-Score-Rechner sofort die Gesamtsumme der Risikopunkte sowie die zugehörige Risikogruppe (Klasse I bis IV) an.
Medizinische Grundlagen und Formel des Lee-Index
Die Berechnung im RCRI-Score-Rechner folgt der von Thomas H. Lee et al. (1999) publizierten und vielfach validierten Methodik. Jedem vorliegenden Risikofaktor wird genau ein Punkt zugeordnet:
$$\text{RCRI-Score} = \sum_{i=1}^{6} \text{Risikofaktor}_i \quad (\text{Wertebereich: } 0 \text{ bis } 6 \text{ Punkte})$$
Das Modell ermittelt die Wahrscheinlichkeit für schwere perioperative kardiale Ereignisse (Major Adverse Cardiac Events, MACE). Hierzu zählen postoperativer Myokardinfarkt, kardiales Lungenödem, ventrikuläre Tachyarrhythmien, Herzstillstand und höhergradige atrioventrikuläre Blockierungen.
Risikotabelle nach Lee (Originalstudie vs. moderne Validierung)
Die Einteilung der Ergebnisse im RCRI-Score-Rechner erfolgt in vier Risikoklassen:
| RCRI-Punkte | Lee-Klasse | Kardiale MACE-Rate (Lee et al.) | Risikokategorie | Klinische Einschätzung |
|---|---|---|---|---|
| 0 Punkte | Klasse I | ca. $0{,}4,%$ | Sehr niedrig | Routinemäßige präoperative Vorbereitung ohne kardiale Zusatzdiagnostik |
| 1 Punkt | Klasse II | ca. $0{,}9,%$ ($1{,}0,%$) | Niedrig | Standardüberwachung, Überprüfung der kardiovaskulären Medikation |
| 2 Punkte | Klasse III | ca. $6{,}6,%$ ($5{,}0,%$) | Intermediär / Mittel | Erweiterte kardiale Evaluation (z. B. Biomarker wie NT-proBNP) erwägen |
| $\ge 3$ Punkte | Klasse IV | ca. $11{,}0,%$ ($> 9,%$) | Hoch | Fachkardiologische Abklärung, präoperative Optimierung und Intensivüberwachung |
Klinisches Praxisbeispiel zur Risikoberechnung
Ein 71-jähriger Patient stellt sich zur präoperativen Vorbereitung vor einer elektiven Kolonresektion (großer abdomineller Eingriff) vor. In der Anamnese finden sich:
- Geplante OP: Hemikolektomie links $\rightarrow$ Hochrisiko-Eingriff (+1 Punkt)
- Typ-2-Diabetes: seit 8 Jahren mit Insulintherapie eingestellt $\rightarrow$ Insulinpflichtiger Diabetes (+1 Punkt)
- Vorerkrankung: TIA vor 3 Jahren ohne verbleibendes Defizit $\rightarrow$ Zerebrovaskuläre Erkrankung (+1 Punkt)
- Kardiologie / Labor: Keine KHK-Symptome, keine Herzinsuffizienz, Serumkreatinin $1{,}2\text{ mg/dL}$ $\rightarrow$ jeweils 0 Punkte
Im RCRI-Score-Rechner ergibt sich:
$$\text{RCRI-Score} = 1 + 1 + 1 = 3 \text{ Punkte} \quad (\text{Lee-Klasse IV, hohes kardiales Risiko})$$
Dank der Auswertung mit dem RCRI-Score-Rechner veranlasst das perioperative Team eine Bestimmung kardialer Biomarker (Troponin und NT-proBNP), eine kardiologische Mitbeurteilung und plant ein postoperatives Monitoring auf der Überwachungsstation ein.
Typische Einsatzbereiche des Lee-Index in der Praxis
Der RCRI-Score-Rechner ist ein zentraler Baustein in der perioperativen Medizin:
- Prämedikationsambulanz & Anästhesie: Strukturierte Dokumentation und standardisierte Erfassung kardiovaskulärer Risiken vor Narkosen.
- Interdisziplinäre OP-Planung: Unterstützung bei der gemeinsamen Entscheidungsfindung zwischen Chirurgie, Anästhesie und Kardiologie.
- Leitliniengerechte Diagnostikpfade: Orientierung gemäß den Leitlinien der European Society of Cardiology (ESC) und der European Society of Anaesthesiology and Intensive Care (ESAIC) zur Indikation weiterführender Bildgebung (Echokardiographie) oder Funktionstests.
- Klinische Ausbildung: Vermittlung der sechs relevanten Kernfaktoren für das kardiale Operationsrisiko an Medizinstudenten und Assistenzärzte.
Wichtige Limitationen des klinischen Scores
Bei der Nutzung vom RCRI-Score-Rechner sollten folgende Rahmenbedingungen beachtet werden:
- Ausschluss reiner Herzchirurgie: Der Index ist für nicht-herzchirurgische Eingriffe kalibriert und gilt nicht für herzchirurgische Operationen (für diese existieren spezifische Scores wie der EuroSCORE II).
- Keine Berücksichtigung der funktionellen Kapazität: Neben dem Wert im RCRI-Score-Rechner muss stets die körperliche Belastbarkeit des Patienten (in metabolischen Äquivalenten, MET) bewertet werden. Ein Patient, der ohne Atemnot zwei Stockwerke zügig treppauf steigen kann ($> 4\text{ MET}$), hat eine günstigere Prognose.
- Dringlichkeit des Eingriffs: Bei vitalen Notfalloperationen darf die notwendige chirurgische Versorgung nicht durch zeitraubende Risikoscores verzögert werden.
- Medizinischer Haftungsausschluss: Dieser RCRI-Score-Rechner dient ausschließlich Lehr- und Informationszwecken und ersetzt nicht die klinische Urteilskraft des betreuenden Facharztes.