So nutzen Sie den Tinetti-Test-Rechner
Der Tinetti-Test-Rechner dient der strukturierten und fehlerfreien Erfassung des standardisierten geriatrischen Mobilitätstests (Tinetti Performance-Oriented Mobility Assessment, kurz POMA). Das Tool aggregiert die Einzelbewertungen aus dem Gleichgewichts- und dem Gangteil automatisch zu einem evidenzbasierten Gesamtergebnis:
- Gleichgewichtstest (POMA-B) ausfüllen — Bewerten Sie die 9 Balance-Aufgaben (Sitzstabilität, Aufstehvorgang, Stehsicherheit, Stabilität bei Provokation und Drehung sowie Hinsetzen) mit den entsprechenden Punkten (0 bis maximal 2 Punkte je Item).
- Gangtest (POMA-G) erfassen — Beobachten Sie das Gangbild über eine Gehstrecke von mindestens drei Metern und bewerten Sie die 7 Gangmerkmale wie Schrittlänge, Schritthöhe, Schrittsymmetrie, Kontinuität und Rumpfstabilität.
- Ergebnis & Risikoklasse ablesen — Der Tinetti-Test-Rechner berechnet unmittelbar die Teilscores sowie die Gesamtsumme und stuft das Sturzrisiko in die entsprechende klinische Kategorie ein.
Durch die digitale Auswertung mit dem Tinetti-Test-Rechner sparen Pflegefachkräfte, Physiotherapeuten und Ärzte wertvolle Zeit bei der Dokumentation im klinischen Alltag.
Formel & Aufbau des Tinetti-Assessments
Die Berechnung des Tinetti-Scores folgt einer additiven Punktwertlogik. Der Tinetti-Test-Rechner ermittelt die Gesamtpunktzahl anhand der beiden klinischen Teilbereiche:
$$\text{Tinetti-Gesamtpunktzahl} = \text{Gleichgewichtsscore (max. 16)} + \text{Gangscore (max. 12)}$$
$$\text{Maximal erreichbare Punktzahl} = 16 + 12 = 28\text{ Punkte}$$
1. Gleichgewichtsteil (Balance – POMA-B, max. 16 Punkte)
- Sitzbalance: Stabil ohne Anlehnen (1 Pkt.) vs. unsicher/nach einer Seite geneigt (0 Pkt.).
- Aufstehen vom Stuhl: Ohne Zuhilfenahme der Arme in einer Bewegung (2 Pkt.), mit Armeinsatz (1 Pkt.), nicht ohne Hilfe möglich (0 Pkt.).
- Aufstehversuche: Gelingt im ersten Versuch (1 Pkt.) vs. benötigt mehrere Versuche (0 Pkt.).
- Balance unmittelbar nach dem Aufstehen (erste 5 Sekunden): Sicher ohne Hilfsmittel/Schwanken (2 Pkt.), sicher mit Gehhilfe oder leicht schwankend (1 Pkt.), unsicher (0 Pkt.).
- Stehsicherheit (geschlossene Füße): Sicher bei enger Standbasis (2 Pkt.), breitbasiger Stand nötig (1 Pkt.), unsicher (0 Pkt.).
- Nudge-Test (leichter Stoß gegen das Brustbein): Patient fängt den Stoß stabil ab (2 Pkt.), macht Ausfallschritte (1 Pkt.), verliert das Gleichgewicht (0 Pkt.).
- Stehen mit geschlossenen Augen: Sicher und stabil (1 Pkt.) vs. schwankend oder unsicher (0 Pkt.).
- 360-Grad-Drehung: Kontinuierliche Schritte (1 Pkt.) und sicherer Stand dabei (1 Pkt., max. 2 Pkt.).
- Hinsetzen: Flüssige, kontrollierte Bewegung (2 Pkt.), unsauber/plumpst in den Stuhl (1 Pkt.), verfehlt Sitzfläche (0 Pkt.).
2. Gangteil (Gait – POMA-G, max. 12 Punkte)
- Ganginitiierung: Unmittelbarer Start ohne Zögern (1 Pkt.) vs. verzögerter Beginn (0 Pkt.).
- Schrittlänge & Schritthöhe (rechts & links getrennt): Fuß schwingt über die Standbeinlinie hinaus und hebt vollständig vom Boden ab (jeweils 1 Pkt. pro Seite).
- Schrittsymmetrie: Schrittlänge beider Beine gleichmäßig (1 Pkt.) vs. ungleiche Schrittlänge (0 Pkt.).
- Schrittkontinuität: Flüssiges, unterbrechungsfreies Gehen (1 Pkt.) vs. stockender Gang (0 Pkt.).
- Wegabweichung: Geradliniger Verlauf ohne Abweichung von der Gehlinie (2 Pkt.), leichte Abweichung (1 Pkt.), deutliches Abdriften (0 Pkt.).
- Rumpfstabilität: Kein Schwanken, Beugen oder Ausgleichsbewegungen des Rumpfes (2 Pkt.), leichtes Schwanken (1 Pkt.), erhebliche Rumpfinstabilität (0 Pkt.).
- Schrittbreite (Standbasis): Fersen berühren sich beim Gehen fast (1 Pkt.) vs. breitbeiniges Gehen mit deutlichem Fersenabstand (0 Pkt.).
Interpretation der Punktwerte & Sturzrisiko
Der Tinetti-Test-Rechner ordnet das berechnete Gesamtergebnis in drei international anerkannte Risikobereiche ein:
| Gesamtpunktzahl | Risikokategorie | Klinische Interpretation & Handlungsempfehlung |
|---|---|---|
| 24 – 28 Punkte | Geringes Sturzrisiko | Altersentsprechende Mobilität; keine unmittelbaren Einschränkungen im Alltag; präventive Bewegungsförderung empfohlen. |
| 19 – 23 Punkte | Moderates Sturzrisiko | Erhöhte Sturzgefahr; gezielte Physiotherapie (Kraft- und Balancetraining), Überprüfung von Gehhilfen und Wohnraumanpassung indiziert. |
| < 19 Punkte | Hohes Sturzrisiko | Erhebliche Gang- und Standunsicherheit; hohes Risiko für Stürze und Frakturen; engmaschige Sturzprophylaxe, Hilfsmittelversorgung und Betreuung erforderlich. |
Praxisbeispiel: Klinische Auswertung im Pflegeheim
Eine 81-jährige Bewohnerin einer geriatrischen Einrichtung wird nach einem leichten Sturzereignis untersucht. Die Pflegefachkraft führt das Assessment durch und nutzt den Tinetti-Test-Rechner:
- Gleichgewichtstest: Die Bewohnerin benötigt beim Aufstehen die Arme (1 Pkt.), steht mit leichter Breitbeinigkeitsneigung (1 Pkt.), fängt den Stoßtest mit Ausfallschritt ab (1 Pkt.) und erreicht im POMA-B insgesamt 10 von 16 Punkten.
- Gangtest: Die Ganginitiierung ist verzögert (0 Pkt.), die Schrittlänge links verkürzt (0 Pkt.), das Gangbild flüssig, aber leicht schwankend (1 Pkt.), woraus ein POMA-G von 7 von 12 Punkten resultiert.
- Gesamtergebnis: Der Tinetti-Test-Rechner summiert $10 + 7 = 17\text{ Punkte}$.
- Klinisches Fazit: Bei einem Score von 17 Punkten liegt ein hohes Sturzrisiko vor. Es werden gezieltes Gleichgewichtstraining, ein Rollatortraining sowie eine Überprüfung der sedierenden Medikation veranlasst.
Klinische Anwendungsbereiche des Tinetti-Tests
Der Tinetti-Test-Rechner ist ein unverzichtbares Instrument in zahlreichen medizinischen und pflegerischen Fachbereichen:
- Geriatrie & Altersmedizin: Standardmäßiger Bestandteil des umfassenden geriatrischen Assessments (CGA) bei stationärer Aufnahme und Entlassung.
- Physiotherapie & Rehabilitation: Objektive Verlaufskontrolle zur Evaluation von physiotherapeutischen Trainingsprogrammen und Gangschulungen.
- Stationäre & ambulante Pflege: Identifikation sturzgefährdeter Senioren zur leitliniengerechten Umsetzung des Expertenstandards Sturzprophylaxe in der Pflege.
- Neurologie & Orthopädie: Beurteilung funktioneller Defizite bei Morbus Parkinson, Schlaganfall, Polyneuropathie oder nach Hüft- und Kniegelenksersatz.
Mit dem digitalen Tinetti-Test-Rechner steht Fachkräften ein schnelles, zuverlässiges und kostenloses Hilfsmittel zur Verfügung, um Mobilitätseinschränkungen frühzeitig zu erkennen und gezielte Präventionsmaßnahmen einzuleiten.